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Fachartikel zum Thema Stottern und andere Redeflussstörungen



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07.11.2008

ivs für mehr Qualität in der Stottertherapie durch Zertifizierung

Quelle: Schulz-Kirchner-VerlagIm "Forum Logopädie" ist ein Artikel über das von der ivs geplante Zertifizierungsverfahren für StottertherapeutInnen erschienen.

Auszüge:

Die Interdisziplinäre Vereinigung für Stottertherapie e.V. plädiert für einen Weg zur Steigerung der Qualität von Stottertherapien durch eine Zertifizierung der Therapeuten/-innen nach Qualitätskriterien, die die personenbezogene Kompetenzerweiterung in den Mittelpunkt stellen und gemessen werden können.
Eine Qualitätsdarstellung, die überwiegend die Erfüllung von formalen Kriterien als Maßstab setzen will, wird von der ivs als unzureichend betrachtet.

In der Mai- und Juli-Ausgabe des „FORUM Logopädie“ wurden vom dbl Kriterien für Qualität und Transparenz in der Stottertherapie veröffentlicht.
Sie stammen aus einem Flyer für Eltern, den der dbl gemeinsam mit der Bundesvereinigung Stotterer-Selbsthilfe (bvss) erstellt hat.
Laut bvss sollen diese Kriterien für Eltern als roter Leitfaden für Gespräche mit Therapeuten/-innen dienen, um die Auswahl einer StottertherapeutIn zu erleichtern.
Nach Ansicht der ivs sind die Kriterien als ein Leitfaden für Gespräche zwischen den Eltern stotternder Kinder und den Therapeut/-innen geeignet, jedoch nicht als Grundlage für eine Bewertung der Qualität von Stottertherapien und StottertherapeutInnen.

Qualitätssicherung durch einen Zertifizierungsprozess

Die ivs sieht den Weg zu einer hohen Qualität in der Bewertung der persönlichen und fachlichen Kompetenzen der Stottertherapeuten/-innen durch einen Zertifizierungs-prozess....
Für die Unterstützung dieses Prozesses und die Bildung eines möglichen Zertifizierungsgre-mium konnte die ivs Prof. Dr. Nitza Katz-Bernstein, Prof. Dr. Claudia Iven, Prof. Wolfgang Wendlandt und Horst M. Oertle gewinnen. Die Zertifizierung wird nach den Plänen der ivs durch die Überreichung eines Zertifikats nicht ihr Ende finden, sondern durch die Verpflichtung, u.a. zu Fortbildungen und Intervisionen, weitergeführt werden und so die hohe Qualifikation von Therapeuten/-innen sicherstellen....

Qualitätskriterien für gute Stottertherapie

Die ivs hat sich bewusst dazu entschlossen, Qualität kompetenzorientiert zu beschreiben. Es kann nicht darum gehen, Ergebnisse bzw. Erfolge von Stottertherapien zu überprüfen und zur Grundlage einer Qualitätsmessung zu machen, zumal gerade den Experten bewusst ist, dass eine signifikante Veränderung in der Stotterrate durchgängig schwierig zu überprüfen ist.

Ebenso wissen wir, dass Erfolg in der Therapie bei den verschiedensten Patienten auch andere Aspekte einschließen muss, wie z.B. die Steigerung der Lebensqualität bzw. wie die ICF es verdeutlicht, die funktionelle Gesundheit, die sowohl die Komponenten der Körperfunktion als auch der Aktivitäten und Teilhabe am Leben, der Umweltfaktoren und der personbezogenen Faktoren umfasst.
Der ivs ist es auch ein wichtiges Anliegen, dass sich die Therapeuten/-innen u.a. zur Evaluation ihrer Arbeit verpflichten.

Fazit

Die Qualifikation zur ivs-zertifizierten StottertherapeutIn wird mit einer dauerhaften Kompe-tenzerweiterung und der persönlichen und fachlichen Weiterentwicklung der Therapeuten/-innen zu einer Steigerung der Qualität von Stottertherapien führen.

Die ivs ist als berufsgruppen-übergreifende Organisation für Stottertherapeuten
besonders geeignet, eine solche Zertifizierung zu begründen und durchzuführen.
In der ivs sind wie in keiner anderen Gruppe in Deutschland ein hohes Maß an Fachwissen und therapeutischer Erfahrung mit unterschiedlichen Konzepten der Stottertherapie zu finden, die für die Zertifizierung genutzt werden können.

Stellungnahme des dbl
dbl-Präsidentin Dr. Monika Rausch sah sich veranlasst, umgehend eine Stellungnahme zu der geplanten ivs-Zertifizierung in Form eines Artikel mit dem Titel "Persönliche Verantwortung statt formalisierte Kontrolle" in der selben Ausgabe des "Forum Logopädie" zu veröffentlichen.
Ihr Fazit:
Zertifizierung bedeutet mehr Bürokratie, mehr Kosten, eine formalisierte anstelle einer persönlichen Verantwortung und eine tendenziell passive Elternrolle.

Stellungnahme zur ivs-Zertifzierung

Von Dr. Stephan Baumgartner

Diplom-Psychologe, Akademischer Direktor am Lehrstuhl für Sprachheilpädagogik (Sprachförderung und Sprachtherapie) der Ludwig-Maximilians-Universität München, Leiter der Beratungsstelle für Stotternde und ihre Angehörigen; ivs-Mitglied.

"Qualität ist eine zentrale Kategorie von Sprachtherapie. Sie muss entwickelt, gesichert, geprüft und vor allem verbessert werden.
Bvss und dbl haben einen Flyer mit dem Ziel auf den Weg gebracht, Eltern informierter und selbstbewusster an Stottertherapeuten herantreten zu lassen. Eltern sollen z.B. in ihrem Anliegen, sich Wissen über das Stottern aneignen, die fachliche Qualifikation einer Sprachtherapeutin, oder verschiedene Interventionsmöglichkeiten besser einschätzen zu können, unterstützt werden. Das Vorgehen von bvss und dbl trägt seinen Teil dazu bei, die prägnante Bedeutung der Leistung von Eltern für den Erfolg der Stottertherapie ihres Kindes zu sichern. Dbl wie bvss sind sich der Problematik der Beurteilung der „therapeutischen Kunst“ genauso wie der fachlichen Qualifikation einer Sprachtherapeutin bewusst: „ Eine Bewertung der unterschiedlichen Qualitätsformen ist bereits für Fachleute, und erst recht für Eltern nur schwer möglich“ (Forum Logopädie 2008, 3, 45). Es mangelt in Deutschland – nicht nur in der Therapie mit stotternden Kindern - an Standards, mit denen die Qualität der sprachtherapeutischen Ausbildung oder der sprachtherapeutischen Praxis feststellbar und vergleichbar ist. Nicht zuletzt das ausufernde Angebot privater Logopädenschulen, der Aspekt der „Massenniederlassung von Logopäden“, (Maihack), die Geburtsfehler eines akademischen Studiengangs „Sprachtherapie“, der Appell an die „persönliche Verantwortung“ für eine qualitativ hochwertige Tätigkeit führen deutlich vor Augen, dass die Nachfrage nach Qualitätssicherung ernst zu nehmen ist.
Eltern leisten ihren Teil für die Qualität der Therapie ihres stotternden Kindes. Stottertherapeutinnen und Stottertherapeuten ihrerseits müssen explizit die Qualität ihrer fachspezifischen Arbeit sichern. Seit Jahrzehnten bietet die ivs dafür eine herausragende Plattform, die ganz selbstverständlich auch von Logopädinnen und von Logopäden zwecks Kompetenzerweiterung benutzt wurde. Das Erfahrungswissen der ivs-Mitglieder und die daraus resultierende, mit Sach- und Fachverstand geäußerte Unzufriedenheit über den (fehlenden) stottertherapeutischen Qualitäts/Kompetenzstandard haben zur Idee und zur Umsetzung eines fachlich gerechtfertigten Zertifizierungsverfahrens geführt.
Was Eltern so nicht können, müssen Therapeuten schon selbst leisten: Die Qualität ihrer Tätigkeit kompetenzbezogen auf den Prüfstand stellen. In der ivs tun sie dies nicht unter Zwang, sondern freiwillig aus der Einsicht heraus, dass sie ihre spezifischen Kompetenzen erweitern, sichern und auf Standards bezogen, prüfen wollen. Eben weil die Mitglieder der ivs Berufsgruppen übergreifend ihren Wunsch nach Zertifizierung artikulieren, und sie selbst es sind, die die Anforderungen an eine Qualität sichernde Zertifizierung demokratisch festlegen, sollte ihr Vorgehen die Beachtung der Verbände verdienen. Dbl, dbs oder bvss können aus den Vorschlägen für mehr Qualität in der Stottertherapie durch Zertifizierung Gewinn ziehen: Es ist ein Pilotprojekt, dass auch mit Blick auf andere Sprachstörungen notwendige Entwicklungen in Gang setzen kann."